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HSV und Werder im Umbruch

http://2.bp.blogspot.com/-vyBjiu9x7wY/T0JaoeK-PCI/AAAAAAAAEDo/HyiS_oGDKtI/s400/w1.jpgDie erste Dienstreise in offizieller Mission nutzte Oliver Kreuzer prompt, um die Richtung vorzugeben. Mit der Seilbahn schwebte der neue Sportchef des HSV vergangene Woche im Zillertal auf 2000 Meter Höhe. Der Klettersteig Knorren-Penken als Symbol. Es soll wieder nach oben gehen. Möglichst steil und zügig. Thomas Eichin ging nicht auf den Berg. Der Geschäftsführer Sport bei Werder Bremen blieb unten im Tal in Tirol, auf etwa 600 Metern Seehöhe. Am trainingsfreien Nachmittag hatten sich die Bremer Profis für diese Teambuilding- Maßnahme entschieden: Spaß auf der Sommer- Rodelbahn. Eichin machte mit. Dabei richtete sich sein Blick immer wieder auf die imposanten Gipfel rundum – auch er will mit Werder endlich wieder hoch. Zurück in die oberen Regionen der Bundesliga, wo einst Stammplätze für die Renommierklubs reserviert waren.

Die Zeiten sind längst vorbei. Bremen, noch 2009 im letzten UEFACup- Finale (1:2 nach Verlängerung gegen Donezk in Istanbul), fehlt seit drei Jahren auf der internationalen Bühne, der nördliche Nachbar (2010 im Halbfinale der Europa League dem FC Fulham unterlegen) seit vier Spielzeiten. Schon vor dem Rückspiel in der abgelaufenen Saison Ende Januar titelte der kicker über das irgendwie entzauberte Nord-Derby: „Es war einmal ein Gipfel!“ Geht es nach Carl-Edgar Jarchow, wird Hamburg seinen Teil dazu beitragen, dass das nordische Duell bald auch tabellarisch wieder oben stattfindet. „Ich sehe uns durchaus auf Augenhöhe mit Schalke oder Wolfsburg, wenn es um die internationalen Plätze geht.“ Hamburgs Boss schränkt zwar ein, „dass diese Klubs derzeit andere wirtschaftliche Möglichkeiten haben“, lässt aber dennoch keine Ausreden zu: „Unser Ziel ist klar und heißt: Besser als Platz sieben.“ Mit anderen Worten – die Rückkehr nach Europa.

Der FDP-Politiker taugt mit dieser Formulierung natürlich nicht für den diplomatischen Dienst, er erwartet jetzt Rendite für die Investitionen des Sommers 2012. In Bremen schlagen sie andere Töne an. Bei dem Verein aus der kleineren Hansestadt, in Österreich auf Tuchfühlung mit dem Rivalen in einem nur acht Kilometer entfernten Trainingscamp, haben sie das Wort Europa auf den Index gesetzt. „Wir reden nicht davon“, sagen die Bosse. Eichin und Klaus Filbry, der Vorsitzende, geben kein konkretes Saisonziel vor. Dass es keine tabellarischen Vorgaben gibt, begrüßen die Spieler. „Warum sollen wir vom Europacup reden?“ stellt Aaron Hunt eine rhetorische Frage. „Als Mannschaft müssen wir uns erst stabilisieren und festigen.“

Der Rotstift regiert dabei sowohl an der Elbe als auch an der Weser. Beide Klubs sind gezwungen zu einem rigorosen Sparkurs, der – so die Sprachregelung aller Beteiligten – umschrieben wird als Konsolidierungsphase. So ist Oliver Kreuzer ein Auftrag erteilt worden, wie er sich Finanzminister Wolfgang Schäuble seit Jahren stellt: sparen an allen Ecken und Enden, ohne Substanzverlust. Der Etat für die Personalkosten der Profi-Elf soll auf unter 40 Millionen Euro gesenkt werden. Auch Werder- Chef Filbry spricht von Einsparungen. Mehr als 32 Millionen Euro sollen nicht angesetzt werden bei diesem Ausgabeposten. Zahlen, die verdeutlichen, dass Hamburg aufgrund der Wirtschaftskraft der Stadt bessere Voraussetzungen hat als Bremen. Zwischenzeitlich hatte Werder ausgeglichen, sich sogar einen leichten Vorsprung im Kopf-an-Kopf-Rennen erarbeitet dank der mehrmaligen Teilnahme an der lukrativen Champions League. Doch dieser Vorteil wurde verspielt, weil die Premium-Transfers nicht klappten. Marko Arnautovic und Eljero Elia, Carlos Alberto und Mehmet Ekici – für Bremer Dimensionen sündhaft teure Käufe, die nicht funktionierten. Auch der HSV bewies (zu) oft kein glückliches Händchen auf dem Transfermarkt. Bestes Beispiel: Der 2009 für zehn Millionen Euro verpflichtete und vergangene Woche ablösefrei verschenkte Marcus Berg.

Der Absturz im Parallelflug war eine logische Folge. Nun soll es die Wende geben, schwer zu realisieren unter dem Diktat des Sparens. Handlungsfähigkeit haben sich die Klubs erhalten durch bereits erzielte Verkaufserlöse: Son beim HSV, Sokratis für Werder brachten Millionen in die Kasse. Hamburg, begünstigt durch die Verlängerung des Vertrags mit Vermarkter Sportfive (Volumen 25 Millionen), kann noch eine Offensiv-Investition tätigen, wenn aussortierte Akteure abgegeben werden und den Gehaltsetat entlasten. Bei Bremen könnte ein nicht auszuschließender Verkauf von Arnautovic für weiteren finanziellen Spielraum sorgen. Einen solchen hatte sich der HSV vor einem Jahr gegönnt und Qualität für 25 Millionen Euro gesichert. Nach dem totalen Fehlstart konnte vor allem durch den Kraftakt mit Rafael van der Vaart der Abstiegskampf vermieden werden. Das Ziel wurde erreicht, die zu dem Zeitpunkt noch geheimen Europacup-Träume aber blieben unerfüllt. Nun werden sie offen ausgesprochen. Der jungen Truppe hatte der HSV damals den notwendigen Schuss Erfahrung zugeführt.

Werder machte den Fehler, dies nicht zu tun, litt deshalb eine Spielzeit im Existenzkampf und erlitt beinahe Schiffbruch. Ein Schnitzer, der korrigiert werden soll. Vordringliches Ziel bei der Kaderplanung laut dem neuen Cheftrainer Robin Dutt: „Mehr Routine.“ Für die Renaissance der geschrumpften Nord- Riesen, die wieder Goliath-Format anpeilen, sollen dabei zentrale Figuren sorgen. Van der Vaart, Symbol für den Aufstieg im Herbst, durch Verletzungen und private Probleme in ein Lochgefallen, will eine wichtige Rolle spielen, auch um die Diskussion um seine Person zu beenden: „Der HSV muss immer europäisch spielen. Ich werde alles tun, ihn dahin zu führen.“ So denkt auch Aaron Hunt, mit 26 Jahren schon ein Werder-Urgestein.

Er spricht von einer Langzeit- Option: „Werder muss zurück nach Europa.“ Zurück zum Gipfel, zurück an die nationale Spitze – dass der Weg dorthin beinahe unmöglich wird, sollte Hamburg im nun dritten Jahr unter Thorsten Fink nicht ans Ziel kommen, wissen sie an der Elbe. Noch geht es ohne Verkäufe von weiteren Hochkarätern. „Wir müssen diesen Sommer keine Leistungsträger mehr abgeben“, versichert Jarchow. Ein Scheitern würde diese Ausgangslage drastisch verändern. Auch Filbry betont aus Werder-Sicht die aktuelle Handlungsfähigkeit. Weiterer personeller Aderlass sei nicht erforderlich. Noch nicht? Die Klettertour der Nordlichter muss bald glücken, sonst drohen Konsequenzen. Ohne internationalen Fußball geht auf Dauer der Anschluss verloren. Eine Schreckensvision, die sich beide ersparen wollen. Darin sind sich die Uralt-Rivalen so einig wie selten. Der HSV und Werder: Große Tradition, große Träume – aber eben auch ein großes Risiko.